Über mich und wie ich zur Fotografie kam:

Ich lebe mit meiner Partnerin und zwei Katzen in Hannover, und bin 47 Jahre alt. Ich arbeite als Sozialpädagoge in einer Beratungsstelle.

Seit meiner Geburt habe ich eine Sehbehinderung, links sehe ich nichts und rechts schaff ich gerade so die 25%. Schuld sind meine Sehnerven, die machen nicht so, wie sie sollen. Mein Sehen kann man sich vorstellen wie ein Video mit einer geringen Datenrate: Ist zum Beispiel nur ein Gesicht im Bild, erkennt man ziemlich viel. Ist aber mehr auf dem Bild los, wird alles grober und flächiger. Mein Horror sind große unbekannte Supermärkte-da laufe ich ewig suchend durch die Gänge…

Richtig zur Fotografie kam ich mit 17, als ich viel in einem linken Jugendzentrum abhing. Der Leiter merkte, dass ich gut mit Technik kann und fragte, ob ich nicht Bock hätte auf den Konzerten ein paar Fotos zu machen. Kurz danach fragte er, ob ich nicht auch das verwaiste Fotolabor wieder in Schuss bringen könnte.

Ein paar Wochen später hatte ich meine erste Spiegelreflex und kletterte in verlassenen Fabriken rum. Noch etwas später gab ich erste Kurse über Fotolabortechnik und die Grundlagen der Fotografie für die jüngeren Kids.

Nach dem Abi wusste ich nicht was ich machen soll, und fing an zu jobben und zu reisen. Der Höhepunkt waren sieben Monate Südostasien 1993.

Ab da war ich Streetinfiziert, ohne zu wissen, dass es dieses Genre überhaupt gibt. Farben, Formen, Interaktionen, spannende Gesichter, all die Geschichten prasselten auf mich ein. Ich entdeckte die Magie des Augenblicks.

Zurück in Deutschland war klar, was ich wollte: Fotografie studieren.

Beruflich kam dann alles anders.

Anfang 2017 entdeckte ich eine Dokumentation über Streetphotography auf Youtube, und war elektrisiert. Das Gefühl von damals ploppte hoch und mir wurde klar, dass ich damals Street gemacht habe und das unbedingt wieder will.

 

Meine Art zu fotografieren:

Schnell zu reagieren, sobald sich eine Geschichte ergibt, ist absolut nicht meine Stärke. Dafür bin ich viel zu langsam. Ich bewundere die Fotografen, die in Sekundenbruchteilen eine gute Geschichte erkennen, den richtigen Blickwinkel finden, Ebenen aufbauen und das Ganze zu einem Bild verweben, das auch noch hervorragend aussieht. Bis ich so halbwegs kapiert habe, was da gerade passiert, ist schon wieder alles vorbei. Und für irgendwie krumm und schief geschossene Geschichten bin ich auch zu sehr Fan von guter Bildgestaltung, was meine eigene Arbeit angeht.

Es gibt nur wenige Ausnahmen, wo mir das schnelle Reagieren gelungen ist, und über die freu ich mich ganz besonders.

Manche Fotos von mir sehen wie candid aus, sind es aber nicht. Ich bin auf der Straße so was wie eine Spinne, die ihr Netz baut-also eine Bühne gestaltet, und wartet. Warten kann ich. Mein Rekord sind 30 Minuten auf den Knien, oder mit den Armen über dem Kopf. Am Anfang dachte ich noch, die Leute auf der Straße halten mich für verrückt, wenn ich da so im Getümmel verharre. In Wirklichkeit scheine ich aber fast unsichtbar zu sein – jeder ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Bevor ich meine Kamera ausrichte, habe ich schon immer eine bestimmte Bildidee im Kopf. Manchmal bleibe ich erfolglos, manchmal werde ich von etwas noch besserem überrascht. Jeder Tag auf der Strasse ist anders, jede Minute ein Überraschungsei. Das mag ich so an Street: Diese ständigen Überraschungen.

Es gibt ja diese Diskussion, was wichtiger ist: Inhalt oder Form. Für mich ist beides wichtig, damit mich ein Foto fesseln kann. Ein gutes Bild muss nicht unbedingt eine komplexe Geschichte erzählen, es muss mich aber auf irgendeine Art dazu bringen, inne zu halten und zu verweilen. Es muss meine Neugier wecken. Das ist mein Anspruch, an dem ich mich selber immer wieder messe.

 

Meine Vorbilder:

Von den großen alten Meistern inspiriert mich Saul Leiter am meisten. Seine Arbeiten werden mir nie langweilig. Die Art, wie er mit dichten, verschachtelten Kompositionen, mit Ebenen, Farben, (Un-)schärfen und Verfremdungen gearbeitet hat, fasziniert mich und spornt mich ständig neu an.

Von den zeitgenössischen Fotografen mag ich Joshua K. Jackson besonders. Auch seine Kompositionen und Farben sind meisterhaft und erzeugen eine dichte Atmosphäre.

Ich bin aber auch ein großer Fan von lakonischem Humor. Und den beherrschen unter anderem Matt Stuart und Martin Parr großartig.

Diese drei Elemente, nämlich Humor, Atmosphäre und gute Komposition, versuche ich immer besser zu beherrschen. Die besten meiner Arbeiten vereinen mindestens zwei dieser Faktoren.